Predigten

Predigt zum Volkstrauertag, am 8.11. - Heiner Aldebert

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag steht unter dem Proprium, dem thematischen Schwerpunkt des Volkstrauertags. An diesem Sonntag wird landauf  landab der Toten der beiden Weltkriege gedacht, aber genauso aller Opfer von Gewalt und Terror, die bis in die jüngste Gegenwart hinein zu beklagen sind. In Gottesdiensten, aber auch an all den örtlichen Kriegerdenkmälern werden religiöse und weltliche Reden gehalten. Wir halten inne und bedenken uns: Wie konnte es soweit kommen, hätte es verhindert werden können, was bedeutet es? Vielleicht denken wir dieses Jahr noch stärker als sonst an das Ende des 1. Weltkrieges am 11. November 1918, vor fast genau 100 Jahren. Damals ist unsere mitteleuropäische Welt in einen verheerenden Krieg hineingestolpert, den eigentlich niemand wirklich wollte. Der britische Historiker Christopher Clark hat darüber ein beeindruckendes Buch geschrieben mit dem Titel „Die Schlafwandler. Wie Europa in den 1. Weltkrieg zog“. Schlafwandler waren sie, die Kaiser und Präsidenten, Zaren und Nationalisten. In seinem Buch beschreibt Clark das Geflecht aus partikularen Interessen, Eitelkeiten, aus Dominanz-Sehnsüchten und überholten Selbstbildern innerhalb der europäischen Nationen, aus denen  heraus schließlich eine Kettenreaktion erfolgte, eine Art Selbstkonditionierung, die die Völker in den Untergang hineintrieb.

Bündnisse, die als Sicherheitsgarantien gedacht waren, erzeugten, als sie aufgerufen wurden, einen Flächenbrand, der die Welt des 19. Jahrhunderts mit sich fortriss. Nach Ende des 1. Weltkrieges führten dann die aus Rachegefühlen und Überlegenheitspathos geborenen demütigenden Bedingungen des Friedens von Versailles und die Pest der nationalsozialistischen Ideologie zu der zumindest für Deutschland völligen Katastrophe des 2. Weltkrieges. Schlafwandler nennt der Historiker Clark die Verantwortlichen. Als sie aufwachten, war es zu spät, vor allem für die einfachen Soldaten, die von ihren großtuerischen Vorgesetzten zu Hunderttausenden verheizt, in den sinnlosen Tod befohlen und getrieben wurden.

Wie ist es mit uns? Sind wir heute wirklich wach?

Wenn ich mich heute so in Deutschland und in Europa und auch in der großen Welt umschaue, dann wünschte ich, es gäbe einen großen, einen lauten Weckruf, der uns alle hellwach macht.

Denn es geht wieder ein Geist um, der uns einlullt in Dominanzmustern statt in Konzepten der Zusammenarbeit und des Ausgleichs von Interessen. Ängste davor, etwas zu verlieren, diese Welt teilen zu sollen, führen zu Abschottung, zu Hartherzigkeit und zum Hochziehen von Mauern. Das wird aber auf Dauer die Probleme nicht lösen. Sie werden uns einholen und das schlimmer als zuvor.

Unser heutiger Predigttext aus dem Matthäusevangelium, den wir schon als Evangeliumslesung gehört haben, wollte zu seiner Zeit auch ein Weckruf sein. Kann er uns auch heute Orientierung geben? 

Hören Sie nochmals aus Mt. 25, 31-46

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.

44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. 46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Matthäus hat das Gleichnis vom großen Weltgericht tatsächlich im globalen politischen Milieu angesiedelt. Alle Völker werden vor dem Thron des Menschensohns versammelt. Es geht nicht nur um individuelle Ethik.

Worin besteht der Weckruf? 

In dieser Erzählung wachen beide Seiten schlagartig auf, die Gerechten wie die Ungerechten. Plötzlich fühlen sie sich ertappt bei einem massiv mangelnden Durchblick. Sie waren wie die Schlafwandler. Die einen wissen nicht, wann sie dem Weltenrichter, dem Menschensohn, ihrem König zu essen, zu trinken gegeben haben, wann sie ihn als Fremden aufgenommen, gekleidet und besucht haben und so weiter. Und die anderen wissen das Gegenteil nicht, wann sie ihm nicht zu essen und zu trinken gegeben haben, ihn nicht als Fremden aufgenommen haben, gekleidet und besucht haben.

Und sie erschrecken, beide erschrecken sie, als ihnen die Augen aufgehen. Das, was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan bzw. nicht getan habt, das habt ihr mir getan bzw. nicht getan.

Das ist der Weckruf in dieser Geschichte: es ist die in jedem von uns in Wahrheit tief enthaltene, die aufrüttelnde Einsicht und Intuition und das Erschrecken darüber, dass wir, mit den Worten der Bibel gesprochen, in jedem Menschen, an dem wir vorbeigehen oder nicht, unserem Schöpfer begegnen, dass es immer Jesus ist, dem wir helfen oder den wir stehen lassen.

Oder auch anders und ganz modern und säkular formuliert: dass jeder, dem wir begegnen, dem wir helfen oder den wir stehen lassen, unsere Mutter, unser Vater, unser eigenes Kind ist… unser uns anvertrauter Mitmensch…

Ja, das ist ein plötzliches Erwachen…Ja hätten wir das gewusst, dass du es bist…wir hätten sofort gehandelt.

Jesus zieht uns mit seinem Gleichnis vom Weltgericht die Schlafmütze von den Augen. Ich bin, sagt er zu mir, zu dir, zu Ihnen, ich, dein Freund und Bruder Jesus bin jeder, der oder die deine Hilfe braucht. Das ist ungewohnt, wo wir es doch seit unseren Höhlenbewohnerzeiten gewöhnt sind, immer zwischen denen aus unserer kleinen Sippe und denen aus der Nachbarhöhle zu unterscheiden. Uns gegenseitig in der kleinen Gruppe, Familie, helfen wir, denen da drüben nicht. Die soll der Säbelzahntiger holen. Wir wohnen aber nicht mehr in der Höhle.

Im Licht unseres Predigttextes und im Licht des Weges von Jesus von Nazareth stellt sich klar die Frage, ob heute am Volkstrauertag 2018 der Mensch, jeder Mensch in seiner Ausgesetztheit, der, den der Weltenrichter Jesus den „Geringsten“ nennt, im Zentrum des Gedenkens steht? Oder nicht? Krieg ist da ja nur ein schreckliches Beispiel. Stehen die Geringsten also im Fokus? In meinem, in Ihrem?

Egal, wie groß die Aufgabe erscheint.

Natürlich macht auch die Größe der humanitären Aufgabe einen Teil des Erschreckens aus.

Seien wir ehrlich: Oft genug stehen die Geringsten nicht im Fokus, vielmehr schauen wir weg, lassen unseren Blick nur zu gerne ablenken, wir weichen z.B. aktuell dem Blick auf das Leid der Flüchtenden im Mittelmeer aus, seit die Berichterstattung praktisch zum Erliegen gekommen ist, nein zum Erliegen gebracht wurde. So durchsichtig dieses Manöver ist, es funktioniert.

Und ich kann es sogar ein Stück weit verstehen, wenn wir keine Perspektive sehen, die Probleme zu lösen. Auch wenn es nicht richtig ist.

Wir bräuchten also eine positive Vision, ein starkes Konzept, um gutes Leben für mehr als nur wenige Menschen mit friedlichen Mitteln zu erreichen!

Das Gleichnis vom großen Weltgericht ist so ein Konzept, nicht als Drohung, aber als Weckruf, als Weckruf, der zunächst nur zu einem Perspektivenwechsel einlädt, der es aber in sich hat: Zu einem Perspektivenwechsel, der uns fähig und mutig genug macht, in Menschen in Not nicht das oder ein Problem zu sehen, sondern den eigenen Bruder, die eigene Schwester, ja den eigenen Gott, der uns anschaut.

Die Diakonie in Bayern hat sich bewusst genau dieses Gleichnis als eines seiner Leitbilder gewählt. Gutes tun und Gott dabei begegnen. Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn es hat schon mancher, ohne sein Wissen, Engel beherbergt.

Natürlich hat dieses Gleichnis vom Weltgericht auch etwas Bedrohliches, denn immerhin wird denen, die an den Ärmsten immer nur vorbeigegangen sind, eine strenge Strafe,  ja das Höllenfeuer angedroht.

Ich glaube aber, die Hölle, zu der eine Welt ohne Barmherzigkeit wird, die Gott nicht will, die schaffen wir uns ganz selbst, das macht nicht Gott.

Wir haben nämlich von unserem Glauben her allen Grund, optimistisch zu sein.

Der gleiche Matthäus, der die Hartherzigkeit vieler Zeitgenossen so entschlossen anprangert, kann uns allen, wenn wir uns auf den Weg mit Gott, mit Jesus einlassen, ganz viel Gelassenheit schenken. Er lässt seinen Helden Jesus in der Bergpredigt sagen:

Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet…Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie sähen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater ernährt sie doch…(Mt. 6).

Vielleicht halten Sie mich jetzt für naiv, aber ich glaube tatsächlich, dass ein Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander im ganz großen Maßstab das Gefühl für alle, für jeden von uns ist, dass, was immer passiert, meine Grundbedürfnisse gedeckt sein werden. Wohnen, Essen, Trinken, Arbeiten, Spielen, Lachen, Lieben, Singen, frei Denken, Beten.

Dafür braucht es zuallererst ein starkes Recht, ein menschenwürdiges Recht und mutige Richter und Politiker. Barmherzigkeit ist wichtig, kann es aber allein nicht schaffen. Es geht um ein Menschenrecht. Frieden kann durch ein bedingungsloses Grundeinkommen kommen, viel besser noch durch Ermöglichung und Ermutigung zum Arbeiten, durch Qualifizierung und soziales Wirtschaften. Frieden kommt durch nachhaltige Entwicklungspolitik. Wer solche Gelassenheit, Sorglosigkeit im Sinne Jesu erfahren darf, braucht nicht zu fliehen, braucht nicht kriminell zu werden, braucht sich nicht von Neid zerfressen zu lassen, braucht keine Mauern hochzuziehen.

Leider geht es derzeit nicht genug in diese Richtung. 

Zu oft gelingt es interessierten Kreisen, die nur an ihren eigenen Reichtum, Ruhm und Macht denken, Keile zwischen uns Menschen zu treiben, uns gegeneinander aufzuhetzen, bis es schließlich doch wieder zum Krieg kommt. Dann werden aus Nachbarn und Geschäftspartnern plötzlich Feinde, aus Mitmenschen Ziele im Fadenkreuz. Lassen wir uns nicht so einlullen, lassen wir uns das nicht bieten, bleiben wir hellwach, Amen