Texte und Gebete

Irgendwann siehst du zum letzten Mal Schnee.
Irgendwann trinkst du den letzten Kaffee,
streichelst den Hund, tanzt durch den Saal,
alles, alles gibt's ein letztes Mal.

Irgendwann schmeckst du zum letzten Mal Brot,
schwimmst du im See und betrachtest ein Boot,
winkst einem Kind, gehst durch ein Tal,
alles, alles gibt's ein letztes Mal.

Irgendwann hörst du die letzte Musik,
wirst du umarmt und erhaschst einen Blick,
liest einen Brief, schreibst eine Zahl,
alles, alles gibt's ein letztes Mal.

Irgendwann heißt, es kann morgen geschehn
und dass wir uns heut' das letzte Mal sehn.
Drum, was du erlebst, erleb' es total,
denn alles, alles gibt's ein letztes Mal.
Alles, alles gibt's ein letztes Mal.

Gerhard Schöne

 

Ich glaube
Ich glaube an eine Bleibe für mich
hinter dem Horizont
wohin kein Weh mich verfolgt
wo keine Sorge mich lähmt
wo keine Trauer mich drückt.
Ich glaube an eine Bleibe für mich
unter einem anderen Himmel
befreit von Erdenschwere
auferstanden aus Asche
Ich glaube an Siege über den Tod
Ich glaube solange ich glauben kann
an etwas ganz Neues
das noch kein Auge gesehen
kein Ohr erhorcht
keine Stimme besungen hat
Ich glaube über das Leben hinaus
ans Leben

Annemarie Schnitt
 

Nach dem Abschied
bleibt ein endlos scheinender Schmerz
mit vielen Nägeln in offenen Wunden
Der Betrauerte
aber ist losgelöst von allem Irdischen
leidensfrei angekommen
Er ruht fernab aller Tränen
im ewigen Jetzt
Lautlos
ließ er seine Schwingen fallen
auf das leere Grab

Elizabeta und Georg Karlstetter

 

Wenn ich
in tiefen Nebeltälern
nur schweige
vor deinem Angesicht
weil alles schon längst gesagt ist
und Worte zur Erde geneigt
im Schmerz zerfallen
nimmst du auch mein Schweigen
als Gebet an
Elizabeta und Georg Karlstetter


Wenn sich die dunkle Nacht der Schwermut
einer eisernen Klammer gleich um meine Seele legt
und alles Leben aus mir weicht,
lass mich in deine Hände fallen, Gott,
denn du bist meine Zuflucht in der Nacht der Seele.

Alle Kraft ist dein:
die Kraft zu bergen und zu trösten,
die Kraft aufzurichten und zu heilen,
zu verwandeln und zu erneuern,
lebendig zu machen
und Hoffnung zu wecken.

Du lässt es Tag werden in mir,
und im Morgengrauenwerde ich erkennen:

Du warst Gefährte meiner Nacht.

Sabine Naegeli

 

Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang

erinnern wir uns an sie;
Beim Wehen des Windes und der Kälte des Winters

erinnern wir uns an sie;
Beim Öffnen der Knospen und in der Wärme des Sommers

erinnern wir uns an sie;
beim Rauschen der Blätter und in der Schönheit des Herbstes

erinnern wir uns an sie;
Zu Beginn des Jahres und wenn es zu Ende geht

erinnern wir uns an sie;
wenn wir müde sind und Kraft brauchen

erinnern wir uns an sie;
Wenn wir verloren sind und krank in unserem Herzen

erinnern wir uns an sie;
Wenn wir Freude erleben, die wir so gerne teilen würden,

erinnern wir uns an sie;
Solange wir leben, werden auch sie leben,

denn sie sind nur ein Teil von uns
wenn wir uns an sie erinnern.

Aus dem jüdischen Totenbuch

 

Hast du den Engel des Lichtes gesehen
sanft streift er durch die Nächte der Welt
legt hier seine Hand auf ein Stöhnen
blickt dort voll Erbarmen
der Angst in die Augen
und sagt in den Schrei der Verzweiflung
sein lichtendes Wort
hast du den Engel des Lichtes gesehen
hier war er
und dort
und doch überall
er streift durch die Nächte der Welt
und gräbt
in die Finsternis tief den Samen des ewigen Morgens...
hast du den Engel des Lichtes gesehen
er trägt deine Nacht in den Händen...

Annette Soete

 

HERR, du erforschst mich und kennst mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, HERR, nicht schon wüsstest.
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.

Altes Testament, Psalm 139

 

Nie mehr Nacht
alle Schatten entschwunden
außen, tief innen
keine Wunden und Zerbrüche
keine Verluste tun weh
zu Ende das ohnmächtige Treten auf der Stelle
Abgründe eines Erdenwanderers
Jetzt keines Trostes mehr bedürftig
Lichtdurchflutet
Sternenbeschienen
goldstaubleicht
ins endlose Licht gleiten
ein Licht werden
das nie erlischt
wo niemand fällt
wo Atem nie mehr still steht
zu Unrecht
nennen wir dies
den Tod

Elizabeta und Georg Karlstetter



Meine Lebensquelle Gott
Ich lege meine Distanz in deine Nähe
Meine Kälte in deine Wärme
Meine Schatten in dein gleißendes Licht
Meine Zerrissenheit in deine Ganzheit
Meinen bleiernen Schmerz in deinen Trost

 

Ewiger Gott
Ich lege meinen zerbrechenden Traum
In deine endlosen Möglichkeiten
Meine Müdigkeit in deine grenzenlose Kraftquelle
Meinen inneren Schrei in dein verstehendes Schweigen
Meine Angst in deine Unerschrockenheit
Ich lege meine Sehnsüchte in dein Meer des Friedens
Und bitte um Geduld

 

Mein einziger, alles verstehende Gott
Ich lege meine Rätsel in deine Lösungen
Meinen Stillstand in deine Bewegung
Ich lege meine abgebrochenen Flügel
In deine heilenden Hände
Ich lege meine abgezählten Erdentage
In deine weise Vorsehung
Obwohl ich manche nicht verstehen kann

 

Gott mein bester Freund
Ich lege alle meine Schwächen
In deine unerschütterliche Unverzagtheit
In deine Bejahung
Meine Sprachlosigkeit über vieles
Lege ich in deine heilversprechenden Liebesworte

Ich lege meine Wüste
in deine immergrüne Oase
Du wartest dort, um mich zu tränken
Ich lege meine Wunden
unter deine Wunden
Dort werden sie bedeutungslos klein

Ich lege meine Tränen
In dein gütiges Lächeln
Ich lege meinen Weg
Neu vor deine vorausgehenden Füße
Mit vielen Fragezeichen, wohin du mich führst
Ich lege meine Enge in deine unendliche Weite

 

Allmächtiger Gott
Ich lege meine grenzenlose Ohnmacht
In deine Allmacht
Die mich erleuchtet in tiefster Nacht
Und schützend über dem Abgrund führt
Zu immer neuen Wundern
Amen

Elizabeta und Georg Karlstetter